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Einige Gedanken zur trauma-pädagogischen Arbeit in meinem/unserem sozialpädagogischen Alltag

Von Elke Wopker

Unsere Präsenz

Die Erfahrung von Stabilität  und Sicherheit ist die Grundlage jeder traumapädagogischen Arbeit. In der ambulanten Arbeit ist es besonders wichtig, dass wir als sozialpädagogische Fachkräfte eine klare, kraftvolle und sichere Ausstrahlung haben. Wir bilden durch unsere verbindliche, freundliche Präsenz einen sicheren Ort. Wir schaffen diesen zwischenmenschlichen Raum oft ohne feste Büros, ohne klare, aufgeräumte, beruhigende Settings, in denen wir arbeiten. Dies ist anstrengend und bedarf manchmal einer großen Disziplin, zugewandt und präsent zu bleiben statt sich zu entziehen und abzugrenzen.

Unsere Haltung

Mit Achtung und einer wertschätzenden Grundhaltung verstehen und akzeptieren wir die Lebensgeschichten der zu Betreuenden. Wir müssen uns jedoch immer wieder bewusst vergegenwärtigen, dass im Gegenüber das Bewusstsein von wahr und unwahr, von Recht und Unrecht, von Raum und Grenze, von Verantwortung und Verantwortungslosigkeit traumabedingt massiv gestört sind. Und auch die nachhaltigen Folgen einer nicht gelungenen sicheren frühkindlichen Bindung in den Blick nehmen. In der traumapädagogischen Arbeit gilt es deshalb immer wieder, das Handeln der zu Betreuenden richtig zu verorten und sie – trotz Provokationen, Grenzüberschreitungen, mangelnder Frustrationstoleranz etc. – bindungskonstant empathisch weiter zu begleiten. Es ist eine innere Haltung, die weder straft noch Schuld zuweist noch empathisch verstrickt ist, sondern Verantwortlichkeiten benennt, auch unbequem ist, Eigeninitiative und Lösungskompetenz einfordert und klar und sachlich Konsequenzen aufzeigt im Sinne eines lernenden Fortschritts. Dafür ist es für uns als sozialpädagogische Fachkräfte auch immer wieder notwendig in die Selbstdistanz zu gehen und unsere innere Haltung zu überprüfen.

Unser Ziel

Hauptziel traumapädagogischer Interventionen ist, die zu Betreuenden zu stabilisieren und einen sicheren inneren und äußeren Ort für sie herzustellen.

Das traumakompensatorische Schema verstehen

Mithilfe des traumakompensatorischen Schemas können wir die subjektiven Anpassungsstrategien der zu Betreuenden besser verstehen. Die Fragen dazu lauten:

1. Wie versucht der zu Betreuende das traumatische Geschehen auszugleichen, unter Kontrolle zu bringen, indem er sich das Erlebte erklärt?
Auf dieser ätiologischen Ebene sind Erklärungsmuster aktiv wie z.B. „Ich bin nicht gut genug“, „Ich bin an allem Schuld“, „Ich bin nicht wichtig“, „Ich habe keine Rechte“.

2. Wie versucht der zu Betreuende sich selbst zu heilen?
Auf dieser kurativen Ebene werden Möglichkeiten entwickelt, jemand anderer zu sein. Der zu Betreuende entwirft sich und Situationen neu, „spricht“ oder „denkt“ sich selbst um, stattet sich mit Eigenschaften aus „Ich bin gut“, „Ich bin erfolgreich“, die ihm positive, kraftvolle Gefühle zu sich selbst machen, egal wie negativ oder problematisch die Situationen gerade sind. Es ist wie eine Art Mantra der permanenten Selbstbestärkung und Kompetenzzuschreibung. Kurativ wirken auch Strategien des Ignorierens, Ausblendens, Verdrängens und Vergessens, z.B. bei Gewalterfahrungen. Aus der enormen Belastung wird so eine Entlastung. Ebenfalls kurativ verschaffen sich zu Betreuende in der Rolle des Helfers Kontrolle über andere und einen Abstand in Beziehungen. Sie erleben sich dabei als groß, stark und beweisen sich immer wieder ihre Selbstwirksamkeit. Sie geben sich mit ganzer Kraft dort hinein und lenken sich so von eigenen zu bearbeitenden Themen und von ihrer eigenen Hilfebedürftigkeit ab.

3. Wie versucht der zu Betreuende Vorsorgemaßnahmen zu treffen, um das Gleiche nicht noch einmal zu erleben?

Auf dieser präventiven Ebene nutzen zu Betreuende z. B. ein omnipotentes Überlebens-Ich, das alles kann, alles weiß und sich anderen gegenüber machtvoll, arrogant, provozierend, belehrend und anmaßend verhält. Ein mögliches Opfersein oder eine mögliche Hilflosigkeit werden so erst gar nicht zugelassen. Mit dem grandiosen, allmächtigen Ich, das weiß, was richtig ist, und keinen Widerspruch duldet, erteilen sie sich selbst die Definitions- und Beurteilungsmacht über alles und sorgen gleichzeitig dafür, selbst nicht verantwortlich oder betroffen zu sein. Ebenfalls präventiv nutzen zu Betreuende die Ebene der Manipulation. Manipulation ist eine Durchsetzungsstrategie für sich selbst und gleichzeitig eine Strategie der Angstabwehr. So gelingt es Wünsche und Bedürfnisse verdeckt aber machtvoll in die Welt zu bringen und vom Gegenüber das zu bekommen, was man möchte. Indem der zu Betreuende Kontrolle ausübt und andere so lenkt, wie er es braucht, muss die Angst vor der eigenen Wirkungslosigkeit und Machtlosigkeit nicht gefühlt werden. Ein weiteres Beispiel für präventives Verhalten kann ein forscherer Kommunikationsstil bis hin zu verbalem Angriff sein. Der zu Betreuende zeigt sich von vornherein als stark und setzt vorsichtshalber deutliche Grenzen, um sich selbst gefühlten Raum zu verschaffen.

Der sichere Ort

Zum äußeren sicheren Ort gehört, nicht allein der sichere Raum zum Leben, das sich existenziell und finanziell abgesichert fühlen sondern auch eine verbindliche Betreuungsbeziehung, die Halt gibt, klare Absprachen und Regeln und eine verlässliche Tagesstrukturierung beinhaltet. Hierfür können gemeinsam Wochenpläne aufgestellt werden, in denen die Aktivitäten und Rituale vom Aufstehen bis zum Schlafengehen festgehalten werden. In gemeinsamen Gesprächen muss zu Beginn einer jeden Betreuung herausgearbeitet werden, was der zu Betreuende für seine Sicherheit braucht. Ziel ist, dass die zu Betreuenden ein Bewusstsein darüber erlangen, was sie verunsichert und dass sie wissen, wie sie sich durch einfache Maßnahmen wie z.B. der Anruf bei einer Freundin, Kaffee trinken gehen, sich trösten lassen, Wärmflasche auf den Bauch legen etc. selbst wieder in Sicherheit bringen können. In der Betreuung sind Überraschungen grundsätzlich zu vermeiden, um das Sicherheitsgefüge nicht zu destabilisieren. Besonders wichtig in der Betreuung ist immer wieder die Erarbeitung und Stärkung der Eigenwahrnehmung und Achtsamkeit gegenüber sich selbst und den eigenen Gefühlen. Dazu gehört ebenfalls ein Bewusstsein vom inneren sicheren Ort zu schaffen. Dieser kann durch regelmäßige Imaginationsübungen erfühlt und wahrgenommen werden. Der sichere Ort  stellt für den zu Betreuenden eine Verbindung zu positiven Bildern, Körperempfinden, Gefühlen her.

Traumapädagogische Interventionen

• Affirmationen

Passende Affirmationssätze werden oft als unterstützend empfunden und wirken selbstbestärkend. Einige Beispiele sind: „Ich gehe meinen Weg.“ „Ich fühle mich geborgen.“ „Ich genieße es draußen zu sein.“ Bei „Ich-bin“-Übungen werden affirmative Sätze immer wieder wiederholt, die vorher zusammen erarbeitet wurden: Beispielsätze sind: „Ich bin“, „Ich bin da“, „Ich bin auf dieser Erde“ „Ich bin wertvoll.“ „Ich bin stark.“ „Ich bin liebenswert.“

• Das Erfolgstagebuch

Im Erfolgstagebuch wird alles unter der Fragestellung festgehalten: „Was ist mir gelungen? Und wo bin ich gut?“ Es kann einen eigenen Titel bekommen und auch sehr kreativ ausgestaltet werden. Dieses Führen und auch Besprechen des Tagebuches kann ein fester Bestandteil in der Tagesstrukturierung sein.

• Übungen in der Natur

In der Natur werden Körperübungen als sehr wohltuend empfunden. Zum Beispiel das bewusste Gehen, bei dem mit jedem Schritt der Boden unter den Füßen wahrgenommen wird. Zusammen mit dem fühlenden Bewusstsein „Der Boden trägt mich“ ist dies eine kräftigende, stabilisierende Übung. Das Umarmen eines Baumes kann ebenfalls als sehr kraftvoll wahrgenommen werden, wenn gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf die tiefe Verwurzelung des Baumes im Boden gelenkt und seine Standfestigkeit, Größe, Stärke etc. gefühlt wird. Atemübungen können ebenfalls sehr wirksam sein. Hier geht es um das ganz bewusste Ein- und Ausatmen in den Kopf, in die Oberarme, in den Bauch, in die Beine, in den ganzen Körper. So können zu Betreuende über das Atmen ihren ganzen Körper wahrnehmen und als zu sich gehörend empfinden. Mit dem Atem können sie sich als Teil der ganzen Welt in Verbindung bringen. Während der Atemübungen können sich zu Betreuende entspannen und in Distanz zu ihrem Gedankenkarussell der Angst kommen.

• Ressourcendusche

Bei der Ressourcendusche werden die zu Betreuenden mit ihren Kompetenzen, Stärken, Fähigkeiten und Talenten in Verbindung gebracht. Ziel dieser Ressourcenarbeit ist es, den gesunden Teil hervorzuheben und zu stärken. Dies kann z.B. das Planungs- und Organisationstalent sein, die Kreativität, die kommunikative Stärke oder allgemeine Steh-Auf-Qualitäten. Wichtig ist, die zu Betreuenden ganz konkret mit ihrer Selbstwirksamkeit, Durchsetzungsstärke und Entschlossenheit in Verbindung zu bringen. Dass sie, wenn sie ein Ziel haben, dieses auch konsequent und mit Einsatz verfolgen können oder dass sie besondere Talente besitzen, die sie gezielt in die Welt bringen können.

• Psychoedukation

Im Sinne der Psychoedukation ist es wichtig den zu Betreuenden immer wieder zu vermitteln, dass ihre Symptome wie Panikattacken, Zittern, Schwitzen etc. „normale“ Reaktionen auf ein „unnormales“ Ereignis sind. Gemeinsam wird reflektiert in welchen Situationen sich die zu Betreuenden ängstlich fühlen oder die Panikattacken beginnen. Durch zielgerichtete Stabilisierung lässt sich mehr Selbstkontrolle und Selbstachtung entwickeln und dadurch mehr Handlungsspielraum und mehr Lebensqualität erlangen. Dabei werden die Gedanken und Gefühle ausgesprochen und analysiert. Die Weil-Frage ist hier eine wichtige Leitfrage. Erst wenn die zu Betreuenden ihr Handeln selbst als sinnvoll wahrnehmen können, werden sie zum Subjekt des eigenen Handelns. Beispielsweise kann das Streben nach sofortiger Bedürfnisbefriedigung reflektiert werden. Der zu Betreuende erkennt, dass er dies tut, weil er sich damit ein Gefühl von Wohlsein und Versorgung verschafft und die Welt so zum Freund wird. Oder der zu Betreuende erkennt, dass er seinen Partner unter Druck setzt und kontrolliert, weil er Angst hat, ihn zu verlieren. Oder er versteht, dass er nichts einfordert, weil man ihm früher keine Rechte gegeben hat. Oder er versteht, dass er das Gefühl hat, wertlos zu sein, weil man ihm nie gesagt hat, wie wertvoll er ist. Das Erkennen und Verstehen sind wichtige Schritte auf dem Weg zu mehr Selbstachtung, Selbstbewusstein und Selbstkontrolle. In der Regel empfinden es die zu Betreuenden als positiv, wenn sich jemand für sie interessiert und sich mit ihnen auseinandersetzt. Sie fühlen sich in der Betreuung Ernst genommen, gehört, verstanden und bestärkt.

• Der innere Tresor

Mithilfe dieser Imaginationsübung können frei florierende Ängste in einem eigens geschaffenen inneren Tresor sicher abgelegt und verschlossen werden. Der zu Betreuende wählt dabei imaginär einen Gegenstand als Tresor oder erschafft ihn so, wie er ihn haben möchte. Er kann dabei die Schließvorrichtung ganz genau betrachten oder in der Phantasie zusätzliche Sicherungmaßnahmen einbauen wie z.B. ein zusätzliches Zahlenschloss oder eine dickere Außenwand etc. Anschließend wird der zu Betreuende aufgefordert, das, was er wegpacken möchte (z. B. seine frei florierenden Ängste), »einzulagern« und den Tresor gut zu verschließen. Wichtig ist dabei das Bewusstsein, dass nur der zu Betreuende ihn bewusst öffnen kann und kein anderer und dass der Tresor sich auch nicht von selbst öffnet.

• Der Notfallkoffer

Der Notfallkoffer wird mit den zu Betreuenden individuell zusammengestellt und befüllt, z. B. mit einem Kuscheltier, Musik, sauren Bonbons zum Lutschen oder Kaugummis, einem Affirmationsspruch auf einem Zettel, einem Knautschball für die Hand, einem Talisman etc. Der Notfallkoffer ist ein Hilfsmittel zur Selbstregulation. Er stärkt die Autonomie des zu Betreuenden.

• Imaginationsübung – Beispiel „der Lebensfilm“

Die Imaginationsübung „Lebensfilm“ ist eine Intervention zur Stabilisierung und zur Traumabegegnung, Der zu Betreuende stellt sich dabei einen imaginären Fernseher vor und  eine imaginäre Fernbedienung, die er in der Hand hält. Mit dieser kann er den Film seines eigenen Lebens bewusst starten. Als Zuschauer kann er den Film aus einer gewissen Distanz betrachten, vor- und zurückspulen, den Ton an- und abstellen, ein Standbild erzeugen und auch selbst auf Stopp drücken, wenn er nicht weiterschauen will. Wichtig ist, dass der zu Betreuende die Kontrolle hat. Der Fokus bei dieser Übung liegt auf den Ressourcen, den guten Erinnerungen, den Möglichkeiten zur Bewältigung von Krisen und den Möglichkeiten der Abgrenzung.

Zum Schluss der Übung kann es hilfreich sein, die Erinnerung auf eine imaginäre CD oder DVD zu brennen und diese bewusst wegzupacken (z.B. in den inneren Tresor).

• Imaginationsübung – Beispiel „die Straßenkreuzung“
Der zu Betreuende imaginiert einen Weg, den er geht bis zu einer Kreuzung. Hier beginnt der Weg in die Zukunft. Wenn er dort ankommt, soll er beschreiben, wo er sich befindet und was er sieht. Die Kreuzung kann z. B. viele Abzweige haben, sie kann leer sein oder es können viele verschiedene Verkehrsteilnehmer unterwegs sein. Es können Fahrspuren, Wanderwege, Schienen zu sehen sein, es kann auch ein Kreisverkehr sein, es kann eine Sackgasse sichtbar sein oder auch Parkplätze. Der zu Betreuende soll seine Straßenkreuzung so lebendig und konkret beschreiben, wie er sie sieht. Im anschließenden Gespräch wird die Kreuzung beschrieben und besprochen. Bei innerer Bereitschaft kann sie auch gezeichnet werden. Besonders betrachtet werden kann die Farbwahl, die Art der Kreuzung, die Linienführung, Raumnutzung, der Bezug zu anderen Verkehrsteilnehmern, die Umgebung. All das kann Hinweise geben auf das Lebenskonzept des zu Betreuenden und seine Ausrichtung auf die Zukunft.

• Zukunftsvisionen

Die regelmäßige Arbeit  an der Bildung von Zukunftsvisionen, an einem neuen Selbstentwurf kann sehr kraftvoll sein. Dabei entwickeln die zu Betreuenden innere Bilder, wie sie sich zukünftig sehen und wie sie leben möchte. Diese können aufgeschrieben oder aufgemalt oder besprochen werden. Themen können sein: „Da kann mich ein gelingender Schulabschluss hinbringen. Dafür lohnt es sich.“ „Das kann ich körperlich erreichen, wenn ich mich regelmäßig mehr bewege.“ Natürlich fließen hier oft Omnipotenzdenken und die Fähigkeit der Umdefinition der Realität mit ein. Im Gespräch ist es wichtig dazu ein Korrektiv zu bilden.

Schlussbemerkung

Meines Erachtens sollten traumapädagogische Interventionen nur von Mitarbeitern durchgeführt werden, die fundiertes Fachwissen haben und sich zutrauen, dieses verantwortungsvoll anzuwenden. Gerade innere Übungen sind ein sensibles Gebiet und man muss in der Lage sein, die Situation einschätzen zu können, so dass es nicht zu Retraumatisierungen und Destabilisierungen kommt. Die oben genannte innere Haltung und Präsenz sollte jeder Mitarbeiter entwickeln.